Hagiographien verhindern Diskussion
von Arno Tausch
Arno Tausch
Gerade zurück von einer längeren Kommentarpause – nicht – wie vielleicht KennerInnen der Bretagne auf Grund meines Photos zunächst vermuten könnten, auf einer Segelreise um das Cap de la Chèvre, sondern wegen all der vielen Arbeit, die auf einem als vielbeschäftigten Analytiker und Universitätslehrer da übers Jahr auf einem einprasselt, dachte ich mir aber heute, ich schreibe über die – causa prima – das Kölner Beschneidungsurteil. Zu diesem Schandurteil kann man/frau ja wirklich nicht schweigen.
Ich halte ja sonst Religion fein säuberlich aus meinen Kommentaren heraus. Nicht weil ich selbst ein ungläubiger Mensch wäre, sondern weil ich generell meine, LeserInnen und Leser mit einem türkischen Migrationshintergrund oder einem Interesse für die Türkei seien auch gute derzeitige oder künftige ExpertInnen für europäische Fragen, und nicht nur für Gebetsteppiche und Kebab-Stände, und den FC Galatasaray oder den FC Fenerbahce (je nach Geschmack und ideologischer Präferenz (vgl. auch HYPERLINK "http://www.aftau.org/site/DocServer/TANotes_Stronghold_Yanarocak.pdf?docID=17401" www.aftau.org/site/DocServer/TANotes_Stronghold_Yanarocak.pdf)
Der türkische frühere Premierminister Mesut Yilmaz meinte zwar einmal, Europa verstehe sich als „Christenklub“ ( HYPERLINK "http://m.welt.de/article.do?id=print-welt%252Farticle344788%252FVersprechungen-Enttaeuschungen-und-Beschimpfungen" m.welt.de/article.do) aber die harten soziologischen Fakten – wie sie etwa vom „European Social Survey“ ( HYPERLINK "http://www.europeansocialsurvey.org/" www.europeansocialsurvey.org) erhoben werden, und wie jeder/jede Person mit dem Statistikprogramm SPSS mit diesen Daten nachprüfen kann, sind andere. Also Mesut Yilmaz irrte gewaltig, und nur, wenn wir diesen Irrtum verstehen, verstehen wir auch die Gefahren des Kölner Schandurteils wirklich.
Im Jahr 2008 besuchten in den untersuchten Staaten der EU-27 + Kroatien + die EFTA/EWR-Länder Norwegen, Island, und die Schweiz laut ESS-Daten nur mehr 15.6% der befragten Personen wöchentlich oder öfter eine religiöse Zeremonie. Noch einfacher geht das mit der offen und ohne große Statistik abfragbaren Datenbank „World Values Survey“ der Universität Michigan, die von professionellen MeinungsforscherInnen an die 90% der Menschheit nach ihren Werthaltungen befragt (sofortiger Analyseeinstieg unter der Internetadresse HYPERLINK "http://www.wvsevsdb.com/wvs/WVSAnalize.jsp" www.wvsevsdb.com/wvs/WVSAnalize.jsp) . Wähle ich dort wiederum ganz Westeuropa incl. die EU-27 + Kroatien als Region aus, erfahre ich, dass in der letzten Untersuchungswelle 2005-2008, also in den Staaten mit vorhandenen Daten, so da sind Andorra [2005], Bulgarien [2006], Zypern [2006], Finnland [2005], Frankreich [2006], Deutschland [2006], Großbritannien [2006], Italien [2005], Niederlande [2006], Norwegen [2007] , Polen [2005], Rumänien [2005], Slowenien [2005], Spanien [2007], und Schweden [2006] nur 16.1% der Befragten einen Gottesdienst mindestens einmal in der Woche besuchen.
Die Daten zeigen aber noch etwas ganz anderes, was uns rasch zu einer Analyse des Kölner Urteils führt: nur 56.7% der Befragten in Europa halten Sozialstaatsbetrug für niemals akzeptabel, und nur 52.5% Schwarzfahren in öffentlichen Verkehrsmitteln für niemals akzeptabel, sowie 54.4% Steuerhinterziehung für niemals zu akzeptieren. Während also in Europa jeweils mehr als 40% Sozialstaatsbetrug, Schwarzfahren und Steuerhinterziehung für (in Wien sagt man jetzt gerne, aber ich mag dieses Wort wirklich nicht) „geil“ halten , und 21.8% der Befragten auch die Ehe für „passé“ halten, misstrauen heute schon 34.9% der Justiz und 12.7% sogar sehr stark der Justiz (in Deutschland sind dies 33.3% und 9.2%, die der Justiz misstrauen oder sogar stark misstrauen). Die Geister, die Köln da rief, werden bald auch die Kölner Justiz einholen.
Mesut Yilmaz hatte also fundamental Unrecht: Europa ist kein Christenklub, sondern ein Klub der SteuerhinterzieherInnen, der SozialstaatsbetrügerInnen, der SchwarzfahrerInnen, und der Religionsferne. Kirchen, religiöse Traditionen, der „liebe G’tt“ – sie sind alle passé, so wie auch zunehmend die stabile Zweierbeziehung zwischen zwei Menschen, und bald auch die Justiz.
Was nun das Kölner Schandurteil betrifft, schließe ich mich zunächst den wichtigsten jüdischen Stimmen in Deutschland an (vgl. HYPERLINK "http://www.zentralratdjuden.de/de/article/3729.html" www.zentralratdjuden.de/de/article/3729.html ).
Zu präsent sind noch die Bilder von deutschen Wehrmachtssoldaten beim gewalttätigen Rasieren von Bärten jüdischer älterer Männer im Horror in den Ghettos von Krakow, Lodz, Warsazwa …
„Am Ende wäre jüdisches Leben hier gar nicht mehr möglich", sagte etwa der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. Dieser erklärte ja auch völlig folgerichtig:
„Wir haben sehr positiv aufgenommen, wie sich die beiden großen christlichen Kirchen geäußert haben. Für diesen Beistand sind wir dankbar. Auch Außenminister Westerwelle hat mich seiner Solidarität versichert, es hat auch vonseiten der Grünen Kritik am Urteil gegeben. Diese Solidarität tut uns gut. Auf der anderen Seite gibt es auch sehr viele Reaktionen, die uns mit Verständnislosigkeit und Kälte begegnen, und das macht mir wiederum Sorgen.“
Bekanntlich stimmen mehr als die Hälfte der Deutschen dem Urteil ausdrücklich zu. So, wie halt bald eine Mehrheit für Steuerhinterziehung, Schwarzfahren, und Misstrauen in die Justiz besteht oder bald bestehen wird.
Für Graumann ist das Urteil und viele Reaktionen darauf auch von einem modernistischen Zeitgeist ohne jeden Respekt für Religion beflügelt. In dem Urteil zeige sich eine kalte, formaljuristische Betrachtungsweise ohne Rücksicht auf die Gefühle der Betroffenen. Ich kann diese Stellungnahme nur mit beiden Händen unterschreiben.
In der christlichen Bibel ist übrigens der Befund ebenso mehr als eindeutig, und er lautet ganz anders, als naive BeobachterInnen erwarten würden. Beschneidung ist auch für das Christentum nicht einfach „passé“.
So heißt es denn bei Lukas 2:21:
„Nach acht Tagen wurde das Kind beschnitten und erhielt den Namen Jesus; den hatte der Engel genannt, noch ehe Maria das Kind empfangen hatte.“
Für den christlichen Apostel Paulus gilt zwar im Roemerbrief 2:28-28:
„Die jüdische Abstammung und die Beschneidung sind nur äußerlich und lassen noch niemanden wirklich zum Juden werden.“
Keine Frage, dass aber auch für Paulus Beschneidung für jüdische Christen weiter praktiziert werden darf. So heißt es bei 1 Korinther 7:18-18:
‚Darum soll jemand, der nach jüdischem Gesetz beschnitten wurde, sich auch als Christ zu seiner Beschneidung bekennen.’
Und so heißt es im Bible-Gateway HYPERLINK "http://www.biblegateway.com/passage/?search=Johannes+7&version=HOF" www.biblegateway.com/passage/ denn auch vom glasklaren Wort des Jesus von Nazareth nach christlicher Tradition:
‚Jesus entgegnete: »Ihr ärgert euch darüber, dass ich hier am Sabbat einen Menschen geheilt habe! Mose hat angeordnet, dass eure Kinder am achten Tag beschnitten werden sollen. Nach dieser Vorschrift haben sich bereits eure Stammväter vor Mose gerichtet. Auch eure Söhne werden am achten Tag beschnitten, selbst wenn es ein Sabbat ist, damit das Gesetz des Mose nicht übertreten wird. Weshalb also seid ihr so empört darüber, dass ich einen Menschen am Sabbat geheilt habe? Richtet nicht nach dem äußeren Schein, sondern urteilt gerecht!«’ (Johannes, 7, 21 ff.)
Beschneidungen sollen also stattfinden dürfen, auch am Samstag, und kein Kölner Gericht kann und darf diese 5772 Jahre alte Tradition verbieten. Dieses Schandurteil kann der Auftakt für noch viel Schlimmeres in Europa werden.
Arno Tausch
ideas.repec.org/e/pta132.html" ideas.repec.org/e/pta132.html