EINE ANALYSE DES ORF „KREUZ UND QUER“-BEITRAGES „DER KAMPF UM DIE VORHAUT“

DOPPELBÖDIG UND SCHEINHEILIG – DIE „BESCHNEIDUNG“ DER RELIGIONSFREIHEIT IM INTERRELIGIÖSEN ORF 2


von Birol Kilic


Am 28. August 2012 haben wohl 600.000 Menschen in Österreich mit muslimischem Hintergrund nur noch den Kopf geschüttelt, als sie im ORF 2 in der Sendung „kreuz und quer“ den Beitrag zum Thema Beschneidung mit dem vulgären Titel „Der Kampf um die Vorhaut“ geschaut haben. Eines will ich wie immer vorwegnehmen: Kritisch sein heißt nicht, gegen alles zu sein, sondern Sinn von Unsinn, Wichtiges von Unwichtigem, Wahrheit von Lüge sowie Ehrlichkeit von Scheinheiligkeit unterscheiden zu können.

Der ORF ist wegen seiner einseitigen und fast antimuslimischen Berichte bekannt und wird von vielen aus der Türkei stammenden und in Österreich lebenden Menschen so wahrgenommen, lesen wir.

Der Programmhersteller und die Redaktion von „kreuz und quer“ haben dieses Manko am 28. August 2012 wieder unter Beweis gestellt. Der volle Titel lautete „Der Kampf um die Vorhaut – Kleiner Schnitt mit großer Wirkung. Kulturkampf um ein religiöses Ritual?“ Ungeheuerlich ist dabei schon der Untertitel! Die Redaktion zettelt damit einen Kulturkampf an, den es in Österreich auf dieser Ebene nicht gibt. Es gibt keinen Kampf um die Vorhaut. Der ORF gießt Öl ins Feuer wegen eines, von einem unbedeutenden bundesdeutschen Landgericht (!) ergangenen Urteils im Falle eines muslimischen Jungen, das auf Österreich logischerweise keine juristische Auswirkung hat. Das Urteil schafft auch keinen Präzedenzfall für die Bundesrepublik Deutschland, wie leider ständig in der medialen Diskussion suggeriert wird.

Außerdem ist zu fragen, wer außer sensationslüsternen Medienfuzzis diese öffentliche Debatte um die Beschneidung von Muslimen und Juden eigentlich will. Meine christlichen und jüdischen Freunde wollen sie jedenfalls nicht. In Wirklichkeit ist das deutsche Urteil den Österreichern ziemlich wurscht – und das zu Recht! Warum werden gierig und unüberlegt gesellschaftspolitische Diskurse aus Deutschland eins zu eins nach Österreich importiert, fragen sich viele. „Ist Österreich etwa doch noch an Deutschland angeschlossen?“

Zuerst schön desinformieren

Das Grundproblem des ORF, das an dieser Stelle deutlich gemacht werden soll, ist: Zuerst wird desinformiert – dann diskutiert.  Im 36 Minuten langen Filmbeitrag haben die „kreuz und quer“-MitarbeiterInnen des ORF beziehungsweise die Herstellerfirma des Beitrags (Firma Langbein & Partner, Wien) außer einem bewanderten Konvertiten (muslimischer Religionslehrer) nicht einen einzigen Muslimen gezeigt, der der deutschen Sprache mächtig war und zudem fachlich fundiert das Thema der muslimischen Beschneidung erklärte. Statt dessen wurde dieser arme, nicht richtig Deutsch sprechende Drittlandtyp, der eigentlich – so der Subtext – in die Türkei gehört,  paradigmatisch als Moslem hingestellt. An dieser Stelle erheben wir EINSPRUCH. Es leben 600.000 Moslems in Österreich – und der ORF soll niemanden gefunden haben, der in klaren Worten Fundiertes zu sagen gehabt hätte? Oder hofft man beim ORF, dass die Muslimen eh kein Deutsch können und daher ohnedies zu TRT 1 weiterzappen? (An dieser Stelle sei der Vorschlag eingeworfen, solche Sendungen mit türkischen, arabischen und englischen Untertitel zu bringen.) Diese Respektlosigkeit und Ignoranz hat in einer quotengeilen Medienlandschaft leider Methode und ist im Grunde peinlich für die Produzenten. Der Proporzsender ORF büßt damit seine Existenzberechtigung als seriöser staatlicher Sender ein. Zudem kann das Video per Internet weltweit abgerufen werden und ist garantiert keine Werbung für den österreichischen Qualitätsjournalismus!

In Österreich leben über 300.000 Menschen aus der Türkei, man vermutet sogar – mit allem Drum und Dran – 400.000, dazu kommen die circa 200.000 Menschen aus den Balkanstaaten mit muslimischem Hintergrund, vor allem Bosnier, und tausende Menschen aus den arabischen Ländern. Die ORF-Sendung „kreuz und quer“ hat offensichtlich unter diesen nicht einen einzigen Ansprechpartner für die Interviews gefunden. Warum wohl?! Das fatale Ergebnis: Die Informationen bleiben auf der Strecke, eine seriöse Diskussion wird verwässert. Die Bilder verführen ins Unsachliche. Reißerischer Sensationsjournalismus verhindert eine nüchterne und der Thematik angemessene Diskussion.

Stattdessen wurde eine in Wien lebende muslimische Familie aus Bangladesch interviewt, deren Oberhaupt der deutschen Sprache nicht ganz mächtig ist und (im Film) lediglich traditionelle, also keine religiösen Argumente ins Treffen führt.

Am Interview mit dem Oberhaupt der Bangladescher Familie ist zudem zu kritisieren, dass lediglich kulturell-traditionelle und keine religiös-theologischen Argumente in Treffen geführt wurden.  Daraufhin wurde die Beschneidung eines seiner Kinder bei einem muslimischen, praktischen Arzt gefilmt. Als ob wir im Frankenstein-Film von James Whale wären, sahen wir den kleinen blutenden Penis während der Operation. Dieser wurde deutlich beim Vernähen  gezeigt. Damit werden die Vorurteile auf eine recht hinterhältige und scheinheilige Weise festbetoniert.  Schämt Ihr Euch nicht, Ihr Leute vom ORF und „kreuz und quer“? Der Genitalbereich des Kindes hätte auf alle Fälle undeutlich gemacht werden müssen!


Kindesmissbrauch oder einfach nur wissenschaftliche Dokumentation?
So und so: Die Würde eines muslimischen Kindes wurde verletzt.


Die eigentliche Ungeheuerlichkeit folgte auf dem Fuße.Über Traumata und andere psychische Schädigungen zu diskutieren, ist angsichts des entwürdigten Kindes nichts als säkulare Scheinheiligkeit. Das zweite Kind fürchtete sich und schluchzte, da die Wirkung der Lokalanästhesie bei ihm langsamer eintrat. Diese Bilder wurden von Muslimen wie eine Szene aus einem Horrorfilm empfunden. Da habe sogar ich als beschnittener Österreicher türkischer Abstammung Angst bekommen! Mit diesen Bildern werden sowohl Ängste als auch Vorurteile in die Herzen der Menschen eingeimpft.


Zweierlei Maß

Bei der muslimischen Beschneidung sieht man genau, wie der blutende Penis fachmännisch vernäht wird. Der Vater hält den Kopf des Jungen und betet dabei im Stillen. Eine religiöse Zeremonie findet nicht statt. Türken holen die Zeremonie im Alter von circa 9 Jahren im familiären Rahmen oder in einem großen Fest nach.


Im Unterschied dazu wird die jüdische Beschneidung in einem großen Operationssaal mit großem ärztlichen Personal gezeigt. Die OP-Türe ist offen und die Gläubigen beten vor und in der Türe. Das Kind ist nicht zu sehen, die Würde des Kindes wird geschützt. Aber beim Moslem ist das egal. Ist es nicht so, liebe Leute vom ORF und „kreuz und quer“?

Die große traditionelle jüdische Zeremonie, bei der das Baby auf dem Schoß des Großvaters sitzt, wird einem jungen Ehepaar von einem Rabbi (Mohel) erklärt. Der Mohel beschneidet nach der traditionellen Methode (Brit Mila), die sehr schnell geht und ohne Betäubung mit eingekerbtem Schildchen und speziellem Messer (Mohelmesser) erfolgt.


Will der ORF die ständigen Vorurteile gegenüber Muslimen weiter schüren?
 
Warum sendet der ORF in „kreuz und quer“ im Unterschied zur jüdischen Beschneidung einen sehr intimen Eingriff bei einem muslimischen Kind und zeigt dessen blutenden, beschnittenen Penis im TV und im Internet? Damit Muslime unter den Generalverdacht gestellt werden, ihre Kinder im Alter von 7 bis 10 Jahren einem „Dr. Frankenstein“ auszuliefern? Diese schrecklichen Bilder haben einige  Muslime in Österreich sehr verstört!

Hat der ORF mit der Sendung „kreuz und quer“ seine doppelbödigen und pseudo-religiösen Ziele erreicht?  

Kurz über Beschneidung unsererseits !

Bei der Beschneidung handelt es sich um ein uraltes Ritual aufgrund eines Gebotes, das direkt von „GOTT“ erlassen wurde  Alle abrahamitischen Religionen richten sich danach und lassen ihre Söhne beschneiden. Muslime und Juden auf der ganzen Welt machen es, feiern es und sind stolz darauf. Dazu muss man den tiefreligiösen Gedanken verstehen. Alle anderen Argumente wie Gesundheit, alte Tradition, Sozialisierung, Brauchtum etc. sind säkular und sekundär, wenn sie auch nicht unwichtig sind und erst den Bezug zum irdischen Leben herstellen. Bei den Juden ist die Beschneidung noch mehr mit der Zugehörigkeit zu den jüdischen Stämmen verbunden als beim Islam, wo sie eher ein traditionelles Phänomen ist. Dennoch ist die transzendente Komponente nicht wegzudenken. Es gibt eben per definitionem keine Religion (lat. für „Rückbindung“), die ohne jede irdische Realität durch die Zeit schreitet. Sonst wären wir auf der Erde nicht lebensfähig oder reine Geistwesen.

Die Beschneidung der Muslime in Deutschland und in der Welt ist kein im Koran festgeschriebenes Gesetz, sondern bekundet die kulturelle „Verbundenheit“ mit den Vorfahren. Das gilt sowohl für fromme als auch für säkulare Muslime. Durch das jüngst erlassene Beschneidungsverbot in Deutschland wird jedoch massiv in das soziokulturelle Leben des Individuums eingegriffen, was einen Affront gegen die Menschenrechte darstellt und das Vertrauen der Muslime in den Rechtsstaat Deutschland erschüttert. Denn die betroffenen Eltern befinden sich nun in einem Gewissenskonflikt und die Ärzte sind verunsichert. Das gilt nicht nur für Muslime, sondern auch für die Angehörigen der jüdischen Glaubensgemeinschaft in der deutschen Gesellschaft. In verschiedenen Darstellungen wird die Beschneidung der Muslime ganz allgemein so erklärt: Das Ritual der Beschneidung kann bis in die Zeit des größten Propheten Abraham zurückverfolgt werden, als Gott (Allah) ihm gebot, sich selbst, seinen Sohn Ismael und alle seine männlichen Familienmitglieder zu beschneiden, und er folgte Gottes (Allahs) Anordnung. Heute pflegen Muslime ihre männlichen Nachkommen zu beschneiden. Dieses Ritual zeigt ihre Zugehörigkeit zu und Verbundenheit mit ihrem geistigen Ahnherrn und Urvater, dem Propheten Abraham. Weil die Beschneidung in der islamischen Kultur unter anderem von Propheten praktiziert wurde (auch an Jesus), wurde sie in die traditionelle Praxis aufgenommen und hat die Geschichte der Anhänger des Propheten Abraham entsprechend geprägt. Es entstand eine historische Verbindung zum islamischen Ritual. Im Hinblick auf die Beschneidung finden sich auch Ähnlichkeiten zwischen dem islamischen und dem jüdischen Glauben. Laut jüdischer Quellen wird die Beschneidung nämlich folgendermaßen definiert: „In der Regel wird ein Kind männlichen Geschlechts am achten Tag seines Lebens beschnitten. Der Beschneidung (Brit Mila) wird große Bedeutung beigemessen: Dieses Ritual erinnert an den heiligen Bund, den Gott mit dem Stammvater Abraham geschlossen hat: ‚Ich werde meinen Bund errichten zwischen mir und dir und deinen Nachkommen nach dir in allen Geschlechtern als ewigen Bund‘ (vgl. Buch Moses, Kap. 17,7 ff.). Durch die Beschneidung des männlichen Gliedes wird das Kind in diesen Bund aufgenommen.“


Auch in der Urkirche gab es die Beschneidung (Apg. 15,1-35; 16,3 etc.). Infolge der außerjüdischen Missionierung wurden der Streit um die Beschneidung und die Reinheitsvorschriften sehr bald aber so geregelt, dass die Heidenchristen sich nicht extra vorher beschneiden lassen müssen und die jüdischen Reinheitsvorschriften nicht zu beachten haben, wenn sie sich taufen ließen.


Laizistische Assoziationen oder Wahnvorstellungen? Von der Beschneidung zur Tetanusspritze.

Der Film zieht kindische und naive Parallelen zwischen der rituellen Beschneidung, der christlichen Taufe und im Weiteren einer Schutzimpfung etc. Man könnte noch die Genitalverstümmelungen von Mädchen in afrikanischen Stämmen anführen. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, zumal diese Vergleiche perfide sind. Oder hat hier irgendwer Paradeiser auf der Pupille? Zynischerweise wurde der tragische Fall einer Schutzimpfung herangezogen, durch die das Kind schwer behindert wurde. Sollen hier muslimische Kinder mit behinderten Patienten verglichen werden? Soll die Beschneidung als hypergefährlicher Eingriff in den Körper und Verletzung der Psyche gebrandmarkt werden?


Der Film lässt eine fundierte wissenschaftlich-theologische Begründung vermissen.


Gerade die Taufe ist und war nie ein Ersatz für die Beschneidung. Leider ist auch die (vielleicht gekürzte) Argumentation des Liesinger Ehepaares aus katholischer Sicht eine säkulare. „Die beiden gesendeten Argumente passen in die Rubrik ‚Taufscheinchristen‘ “, so einer meiner christlichen Bekannten. „Auch hier wäre es besser gewesen, eine der Diskussion dienliche und richtige Begründung, warum man sein Kind taufen lassen soll, zu bringen“. Der Vater lässt das Kind weniger aus religiöser Sicht, sondern aus Tradition taufen. Die Mutter, weil das Kind später einmal in eine katholische Schule gehen soll. Ob die Taufe hätte vorgenommen werden dürfen, ist damit zumindest fraglich, weil die Eltern und die Taufpaten bei der Zeremonie das Versprechen abgeben müssen, den Täufling katholisch zu erziehen (nicht nur: erziehen zu lassen).

Trotzdem wird niemand die Gültigkeit der Taufe in solchen Fällen  bestreiten wollen. Denn das Sakrament spendet der gesalbte Priester kraft des Heiligen Geistes. Die Taufe wirkt „ex opere operato“. Es ist aber klar, dass sich die Kraft der Taufe nur entfalten kann, wenn das Kind auch christlich erzogen wird. Zudem wird das Kind auch mit dem heiligen Chrisam gesalbt, anschließend werden verschiedene Gebete gesprochen. Jedenfalls ist die Taufe etwas anderes als die Beschneidung. Äpfel sind eben nicht Birnen, wenn auch beides Obst ist.

Möglicherweise zeichnet sich hier die Politik der „Kreuz und quer“-Redaktion ab, die in der Journaille auch bei vielen anderen Thematiken typisch ist. Man interviewt Menschen aus der namenlosen Masse, die mit banalen, unrichtigen oder abstrusen Argumenten einen umstrittenen Standpunkt zu verteidigen trachten, dabei aber eigentlich das Gegenteil erreicht wird, ein sogenannter Bärendienst. Ein demokratiepolitisch wirksames Mittel, um Traditionen, die historische Wahrheit und die Autoritäten einer Religion zu untergraben und zu diskreditieren.

Niemand würde auf die Idee kommen, sein Kind unter den Wasserhahn zu halten, um es christlich zu taufen.

Nicht das Wasser tauft das Kind, sondern der Heilige Geist. Das geweihte Wasser ist hier lediglich das, von Gott eingesetzte, Symbol. Der Unterschied ist also klar: Bei der Taufe geht es nicht (nur) um Tradition, (schon gar nicht um) die Gesundheit oder (eine sowieso oft schief gehende) Sozialisierung, sehr wohl geht es aber um den religiösen Aspekt, das heißt um die Umkehr bzw. die Eingliederung in den Leib Christi. Diese Taufe kann daher weder abgelegt werden, noch verliert man sie beim Übertritt zu einer anderen Religion oder beim Kirchenaustritt. Sie kann auch nicht wiederholt werden. Bei der Erwachsenentaufe erklärt sich der Proselyt zur Umkehr (nämlich zu Gott und einem frommen Leben hin) bereit.

 
Wenn die oben beschriebenen Glaubenswahrheiten und Riten von Seiten des Staates zur Diskussion gestellt werden, wird die Religionsfreiheit in Frage gestellt. Eine Diskriminierung der Beschneidung würde tatsächlich das Ende der Religionsfreiheit bedeuten. Die Riten könnten dann nur in der Illegalität stattfinden.

Dazu kommt die bedenkliche Rechtspraxis in der Bundesrepublik Deutschland, wo der Bundestag (Parlament) unangenehme Entscheidungen gerne den Höchstrichtern in Karlsruhe überlässt. Die armen Juristen müssen dann entweder verfassungswidrige Gesetze wieder aufheben oder am laufenden Band salomonische Urteile fällen. Schon jetzt vergewissert sich der Bundespräsident immer des Urteils der Höchstrichter, bevor er ein Gesetz unterschreibt. Eine bedenkliche Praxis. Führt dies nicht irgendwann zu einer Herrschaft der Höchstrichter? Mit der Demokratie wäre dann Sense. Wenn die Höchstrichter aber über die Fragen des Kultus entscheiden, sind wir wieder – zumindest was das Christentum betrifft – in der Zeit der Staufer angelangt. Auch hier läuft etwas kreuz und quer und man darf schon auf den nächsten Investiturstreit gespannt sein – willkommen im Mittelalter!

Im Beitrag wurden noch zwei Muslime interviewt, die beide vom Christentum konvertiert sind, ein Österreicher und eine Österreicherin. Warum erzählen hier ehemalige Christen den Österreichern etwas über die Beschneidung? Will man seltene – oder möglichst originelle – Fälle anführen und diese verallgemeinern? Man hätte mindestens einen sehr gut deutsch sprechenden Muslim, egal ob Türke oder aus einem anderen Land mit muslimischem Hintergrund, das Thema darstellen lassen können, wie das von mehreren jüdischen Mitbürgern in positiver Weise in der Sendung getan wurde.

Dass die Anti-Beschneidungskampagne – getarnt als Diskussion und gepaart mit einem aggressiven Antijudaismus – schon seit Jahrhunderten Tradition hat, müssen wir hier nicht besonders unterstreichen. Die Kritik an der Beschneidung der Muslime ist in Mitteleuropa naturgemäß sehr jung und der Hintergrund ein anderer als vor vielleicht dreihundertdreißig Jahren. Oder will „kreuz und quer“ etwa direkt an das iberische Mittelalter anknüpfen?

Ich zitiere den Historiker Achim Böhm  „Nach dem Sieg der Reconquista im Jahre 1492 wird schon bald von ‚Race‘ gesprochen. Rasse wird zu einem dauerhaften Makel, einem irreparablen Defekt, einem Webfehler gleichkommend, dem Juden und Mauren auch durch Konversion nicht entgehen können. Die Termini Religionszugehörigkeit und Rasse wurden damals eng miteinander verzahnt. Die Statuten von der Reinheit des Blutes (‚Estatutos de limpieza de sangre‘) aus dem Jahr 1449 [für den Rat der Stadt Toledo] leiten eine Entwicklung ein, die schließlich zur Position führt, dass ein vollwertiger Christ, ein sogenannter ‚Altchrist‘ weder ‚Rasse noch eine maurische oder jüdische Herkunft haben dürfe‘. Aus der Sicht des Landgerichts Köln scheint die Beschneidung ein solcher physischer Makel zu sein, der ‚repariert‘ gehöre, aber ‚irreparabel‘ sei. Die Beschneidung erscheint als körperliches Handicap, als Webfehler des jüdischen, ‚andersgearteten‘ männlichen Körpers, die einer Entscheidung für eine andere Religionszugehörigkeit ‚dauerhaft‘ zuwider steht. Einmal beschnitten, immer beschnitten. Einem jüdischen Körper, so möchte wohl das Landgericht Köln sagen, entkommt man nicht. Einmal Migrant, immer Migrant heißt es bei Sarrazin, einmal Jude, immer Jude beim Landgericht Köln.“

In der jüngsten Sendung von „kreuz und quer“ mussten jüdische Mitbürger, deren Vorfahren seit Jahrhunderten in Österreich leben, mit Händen und Füßen die Beschneidung, also die Zirkumzision, verteidigen, dass sie „eh keine Körperverletzung ist“. Ich empfinde schon alleine die In-Frage-Stellung als Veräppelung der Juden und der jüdischen Religion. Und das, nach so vielen Jahrhunderten von Verfolgungen, in einem angeblich interreligiösen Programm.War nicht Jesus Christus auch beschnitten und müssten die Christen im ORF das nicht wissen?

Die Frage an die Christen von „kreuz und quer“ ist: Was wollt ihr eigentlich? Euer Sohn Gottes ist doch auch beschnitten!

Warum stellt ihr derartig bedenkliche Fragen in einem angeblich interreligiösen, vielleicht irgendwann einmal christlichen Programm, wo noch dazu der Mohel (jüdischer Beschneider) Holzmeister einen oberg’scheiten Wissenschaftler aufgrund dessen Unterstellungen während der Diskussion als „unanständig“ bezeichnet hat. Und es war wirklich unanständig. Das Urteil von Köln ist, wie Rabbiner Andrew Steiman betont, in diesem Sinne aufschlussreich: „Es wird nicht wissenschaftlich begründet, sondern basiert auf der moralischen Instanz körperlicher Unversehrtheit – ein deutlicher Hinweis, das hier ein Paradigmenwechsel vollzogen wurde. Erstmals wurde nicht unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten differenziert und daraus ein moralisches Urteil abgeleitet, sondern es wurde im Namen der Menschenrechte gesprochen. Ein Unterschied aus der Verbotsperspektive auf; und zwar eben nicht unter wissenschaftlichen, sondern menschenrechtlichen Gesichtspunkten. Das ist ein Indiz für besagten Paradigmenwechsel, der unanständig von der Wissenschaft absieht und zu den Menschenrechten als moralische Instanz greift, derer man sich je nach Weltanschauung bedienen kann. Wie früher die Wissenschaft und davor der Glaube. Nun sind die Menschenrechte und die Humanität dran, als Schutzschild für einen Wahn herzuhalten und instrumentalisiert statt geschützt zu werden. Und wie mit Glaube und Wissenschaft wird man erst zu spät diesen Wahn erkennen. So war das auch mit dem Wahn früherer Epochen. Die Muster sind immer gleich: Eine Mehrheit gibt sich fortschrittlich und erkennt nur sehr spät im Nachhinein den selbst verschuldeten Irrweg. Alle Umfragen belegen, das auch heute eine Mehrheit dem scheinbar fortschrittlichen Paradigmawechsel anhängt. Das Muster scheint sich zu wiederholen. Menschenrechte werden nicht geschützt, sondern instrumentalisiert, um eine Weltanschauung zu legitimieren. Angeblich sollen archaische und brutale Sitten überwunden werden.

 
Interkulturelle Geisterbahn oder antireligiöse Geisterfahrer?

Der Beitrag „Der Kampf um die Vorhaut“ von Florian Gebauer und Kurt Langbein ist doppelbödig und wurde wohl von unqualifizierten Laien produziert, als ob sie den Auftrag bekommen hätten, über den Wiener Wurstelprater mit seinem Riesenrad und der berühmten Geisterbahn zu berichten. Diese religiöse und theologische Inkompetenz gepaart mit krankhaften Vorurteilen und Assoziationen sowie einer besserwisserischen Überheblichkeit sollten in „kreuz und quer“ nichts verloren haben!


Apropos GIS: Gläubige Muslime bezahlen dafür, nicht Muslime sein zu dürfen.

Hunderttausende Muslime bezahlen in Österreich ORF-Gebühren (GIS), womit leider auch die ORF-Serie „kreuz und quer“ mitfinanziert wird. (600 Millionen Euro Förderung und GIS-Gebühren Euro pro Jahr). Das Geld für  dieses Programm stammt somit aus den Taschen ahnungsloser Bürger, der Muslime inklusive, und mit diesem Geld schürt man die Vorurteile gegen die Muslime. Wir können nur hoffen, dass hinter diesen netten Gesichtern nicht so viel Hinterfotzigkeit steckt, wie wir vermuten. Dann stellt sich aber noch die Frage: Wollen wir einen antireligiösen ORF?

Dagegen werden mit GIS-Geldern keine religiösen Sender finanziert, die sich zumeist ärmlich aus Spenden selbst finanzieren müssen.

Wider besseres Wissen gegen die Religionsfreiheit.

Wir haben das Gefühl, die ORF-Journalisten von „kreuz und quer“ akzeptieren und respektieren uns Muslime nicht, haben null Empathie und sind einfach besserwisserisch.
Der angeblich muslimische Vertreter  des angekündigten Gesprächspartners  konnte nicht theologisch ableiten, warum die Muslime sich beschneiden lassen, wohingegen der jüdische Beschneider und Rabbi  alles sachlich, kurz und bündig darzustellen wusste.


Hetzerische Worte oder einfach nur Volksverhetzung?

„Kleiner Schnitt mit großer Wirkung – Kulturkampf um die Beschneidung“. Wozu braucht man so einen blöden, hetzerischen und plump-reißerischen Titel in einem solchen, angeblich aufklärerischen und „interreligiösen“ Programm? Ist es die Aufgabe von „kreuz und quer“, uralte religiöse Traditionen und Bräuche zu kritisieren? Wäre es nicht sinnvoller, die Eigenarten der Religionen zu erklären und deren Herkommen und Sinnhaftigkeit zu erläutern?

Würde es den ORF-„kreuz und quer“-Leuten gefallen, wenn in einer religiösen Sendung etwa in der Türkei, Israel oder auch in Arabien solche hetzerischen Sendungen gegen christliche Riten gezeigt würden? Die Antwort ist vermutlich: Nein. Ist die Antwort aber ein Ja, dann müssen wir gemeinsam aufstehen und EINSPRUCH erheben. Denn: „Ohne Einspruch kein Anspruch!“


Ich frage mich, was sich die verantwortliche Redaktion des Beitrags – Helmut Tatzreiter als ein Absolvent der katholischen Medienakademie und derzeit Redakteur der Wiener Diözesanzeitung „Der Sonntag“ und Gerhard Klein, der ebenfalls aus dem diözesanen Umfeld kommt (Generalsekretär des Katholischen Zentrums für Massenkommunikation, Chefredakteur der Zeitschrift „multimedia“ und Geschäftsführer der Katholischen Medienakademie, seit 1988 beim ORF) – und der Sendungsverantwortliche und angebliche Spezialist für Qualitätsjournalismus Herr Christoph Guggenberger sich dabei gedacht haben? Warum haben sie sich hier nicht die Mühe gemacht, Österreicher mit türkischer Abstammung zu interviewen, damit ein gemeinsamer Brückenbau zwischen Muslimen, Christen und Juden möglich wird. Wenn man in Österreich Muslime sagt, haben viele sowieso nur Austrotürken im Kopf. Warum machen sich die Verantwortlichen im ORF nicht die Mühe, solche Interviewpartner zu finden? Ist es Faulheit? Haben sie keine Kontakte? Oder betreiben sie hier eine hinterhältige, politische und religiöse Herabwürdigung, wenn sie den blutenden Penis eines Kindes einer muslimischen, aus Bangladesch stammenden Familie zeigen? Wollen sie damit die Beschneidung und somit die Muslime in den Dreck ziehen? Oder haben die Männer, die für dieses Programm verantwortlich sind, mit ihrem nicht beschnittenen Penis Potenzprobleme? Das ist nur eine bescheidene Frage…








10.10.2010

25/05/2013