Hagiographien verhindern Diskussion
von Arno Tausch
von Attila Schuster
Bei der Berichterstattung zu den jüngsten Ereignissen rund um den kleinen Zoran N. haben sämtliche Medien eine beliebte publizistische Stilform angewandt: die 0815-Regel.
Der kleine Zoran N. war gerade beim Spielen im Hof, als sich plötzlich eine schwere Eisentür verselbständigte und den dreijährigen Buben unter sich begrub. Mit vereinten Kräften gelang es der Mutter und der Tante, das schwer verletzte Kind zu bergen. Verzweifelt hielt Mutter Danijela N. (27) daraufhin einen vorbeifahrenden österreichischen Autofahrer an und bat ihn um Hilfe. Doch der Fahrer weigerte sich mit den Worten „Mit mir nicht“ (laut Tageszeitung Heute, 18.06.2012), das stark blutende Kind mitzunehmen. Das war der Moment, als Nachbar Sami Özdemir (41) seine Menschlichkeit unter Beweis stellen konnte: mitsamt der Mutter packte der gebürtige Austrotürke den kleinen Burschen in sein Auto und raste mit dem verletzten Kind ins Krankenhaus Tulln. Von dort aus wurde Zoran ins AKH Wien geflogen, wo er auf der Intensivstation behandelt wurde. Mittlerweile geht es dem Buben schon besser, laut seiner Mutter ist er auch schon wieder bei Bewusstsein und ansprechbar.
So weit, so gut ausgegangen. Auffallend bei der Berichterstattung ist jedoch erneut die Anwendung der 0815-Regel. Denn die Tatsache, dass Sami Özdemir ursprünglich aus der Türkei stammt, ist in diesem Zusammenhang durchgehend verschwiegen worden. Typisch für die 0815-Regel. Der zufolge wird die Herkunft türkischer Mitbürger nämlich praktisch immer vertuscht, solange sie im Mittelpunkt einer positiven Berichterstattung stehen. Auch wenn Austrotürken Opfer von kriminellen Handlungen werden, wird die türkische Herkunft nicht thematisiert. Ein Beispiel dafür ist die Berichterstattung über die aktuell zunehmenden Überfälle auf türkische Juweliere in Wien – auch hier wurde der türkische Background der bestohlenen Ladenbesitzer bislang gemäß der 0815-Regel geheim gehalten.
Bei einer Negativschlagzeile hingegen gestaltet sich die 0815-Regel genau andersrum: fällt ein Türke durch negatives Verhalten auf oder begeht eine Straftat, wird die türkische Herkunft des Protagonisten bewusst in den Mittelpunkt gestellt und deutlich thematisiert. Die Folgen dieser Art der Berichterstattung sind vielfältig. Wer über türkische Mitbürger stets im negativen Zusammenhang liest, wird selbst irgendwann glauben, dass Austrotürken zu kriminellen Handlungen neigen. Die 0815-Regelung konstruiert also ein inkorrektes Wirklichkeitsbild, das Vorurteile gegenüber Neo-Österreichern nährt - eine Realitätsverzerrung, die sich negativ auf das Image der Türken in Österreich auswirkt. Das wiederum führt langfristig dazu, dass sich Türken, die schon als zweite oder dritte Generation in Österreich leben, für ihren Migrationshintergrund und ihre Kultur zu schämen beginnen. Damit ist die 0815-Regel nicht nur eine realitätsverzerrende, publizistische Stilform. Sie ist in weiterer Folge, was noch viel schwerer wiegt, ein Hindernis für ein tolerantes und harmonisches Zusammenleben und ein Erschwernis für ein respektvolles und verständnisvolles Miteinander der gebürtigen Österreicher und Austrotürken in Österreich.
Weder die Tageszeitung Heute, noch der Kurier, noch die Krone haben bei diesem Bericht die Vorzeige-Menschlichkeit von Retter Sami Özdemir, das beispielhafte „Zusammenleben in Österreich“ und vor allem nicht seine austrotürkische Abstammung erwähnt. Hätte Herr Sami Özdemir dem Kind nicht geholfen, würde die Schlagzeile wahrscheinlich folgendermaßen lauten: „Türke weigerte sich verletztes Kind zum Krankenhaus zu fahren“.
Obwohl wir hier sagen müssen, dass auf Herausgeber-Ebene der Zeitungen Heute, Krone und Kurier solche journalistisch bedenklichen Berichte gegenüber jeglichen Migranten sicher nicht erwünscht sind - zumindest wollen wir das glauben. Erstens weil diese Berichte das Zusammenleben nicht fördern, sondern Vorurteile aufbauen und für das Geschäft ganz allgemein sehr schädlich sind. Unser Appell wäre hier, dass diese Herausgeber mit ihren verantwortlichen Redakteuren darüber reden, dass sie die Abstammung der Neo-Österreicher, egal ob Christ oder Muslim, entweder ausnahmslos immer oder niemals betonen.
Wir werden die positiven Entwicklungen hervorheben, weil wir auch bei muttersprachlichen Migranten-Zeitungen eine negative Berichterstattung erkannt haben, die die Leser unter den Migranten hetzen, besonders unter den ex-jugoslawischen Mitbürgern.
Wir erwarten, dass die Balkan-Kriege und –Genozide im Balkan bleiben und dieser Hass und die Vorurteile nicht unter dem Deckmantel der Integration nach Österreich gebracht werden. Das gilt genauso für die in türkischer oder in anderen Sprachen erscheinenden Zeitungen.
Die Stadt Wien und der Staat Österreich versuchen mit vielen Inseraten und Kampagnen das Zusammenleben von Migranten zu fördern. Warum? Weil die Migranten in Österreich eine unglaubliche Zahl darstellen, die eigentlich aus nationalem Interesse und Sicherheit plus wirtschaftlicher Aspekte nicht mehr stigmatisiert werden können, weil das allgemein den Frieden in Österreich und die Demokratie mittel- und langfristig zerstören könnte. Eigentlich wäre das aktuelle Ereignis eine sehr gute Möglichkeit gewesen, anhand eines positiven Beispiels die türkische Herkunft einer Person hervorzuheben ohne dabei zu stigmatisieren oder einen Stereotyp zu entwerfen.
Dabei ist dieses Beispiel nur die Spitze des Eisbergs. Vor ein paar Tagen hat die Zeitung Österreich im Internet einen Liveticker zur Berichterstattung über die Beerdigung eines ermordeten türkischen Buben installiert. Diese beispiellose Missachtung der journalistischen Ethik muss man sich merken und sich in die Lage der Familie versetzen. Würde es Ihnen gefallen wenn Ihr Kind ermordet wird und das Trauerereignis live im Internet ausgeschlachtet wird? Haben Sie Kinder? Haben Sie Brüder? Haben Sie Schwestern? Wenn man eine türkische Abstammung hat, kommen bei manchen österreichischen Journalisten bestialische Gefühle zum Vorschein. Warum?
Es wäre an der Zeit, dass sämtliche österreichischen Herausgeber und Redakteure diese längst automatisierte 0815-Regel reflektieren und in Zukunft vermeiden. Warum? Weil sie neue Leser aus der austrotürkischen Community (ca. 300.000 Menschen) brauchen. Denn alle Inserenten dieser Zeitungen möchten auch die lukrative Zielgruppe der Austrotürken erreichen. Diese Zielgruppe liest jedoch nur dann regelmäßig die jeweilige Zeitung, wenn sie sich selbst adäquat darin repräsentiert sieht.
Dr. Attila Schuster ist Generalsekretär des Österreichisch-Türkischen Wirtschaftsklubs.
Kontakt: a.schuster@atbc.at