Hagiographien verhindern Diskussion
von Arno Tausch
Anton Pelinka: „Europa - Ein Plädoyer“
Von Alexander Lass
Der Doyen der Politwissenschaft dieses Landes, Anton Pelinka, hat sich kürzlich zu seinem 70. Lebensjahr zu einem seiner Hauptthemen bestens zu Wort gemeldet: Und zwar mit einer direkten, aber wichtigen Bestandsaufnahme zur aktuellen, negativen Gemengelage innerhalb der Europäischen Union. Der international lehrende und „mit Herz“ diskutierende Pelinka zeichnet in einem sehr produktiven Werk, wie die Bürger in Europa am sachlichsten mit der sehr wirkenden Finanz- und Wirtschaftkrise in der Eurozone umgehen könnten und sollten.
Ein Plädoyer heißt für etwas eintreten. Dies tut der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler mit seiner Faszination für das vielfältige Spektrum der EU. Die Gemeinschaft hat viele Fehler. Für viele ist die EU ein Feindbild. Im breiten öffentlichen Kanon ist sie ein technokratischer Schmarotzer, der hierzulande ohne einen realen Grund den letzten „Kreuzer“ aus der Tasche der einfachen Bürger zieht. Dem steht aber eine andere wirtschaftliche Information gegenüber: 1994 sagten zwei Drittel der Österreicher „Ja“ zur EU. Seit fast 17 Jahren hat Österreich Anteil daran, dass es ein stetiges Wirtschaftswachstum gab. Der Nettobetrag Österreichs zum gemeinsamen EU-Budget ist seit jeher ein Nettogewinn von gut 400 Millionen Euro. Also erweist sich der kollektiv negativ aufgefasste EU-Geist, der sich im immer mehr wirkenden Gedanken der 27 Mitgliedstaaten aufzeichnet, als mathematisch falsch.
Pelinka versteht es, mit „Europa - Ein Plädoyer“ stringent aufzuzeichnen, wo Fehler, aber auch die wichtigsten Stärken liegen. Die lang anhaltenden Beitrittsverhandlungen mit der Türkei streicht der Verfasser als Schwäche hervor. Aber im geistigen Sinne ihrer Gründerpersonen steht die Union für sozialen Frieden – Pelinkas Topos. Die Europäische Union steht seit ihrer Gründung in den 1950er Jahren auf der Kippe zwischen Erfolg oder Scheitern, wird aber überleben. Doch man sollte die Geschichte kennen, bevor man zu Schlüssen kommt. Die Währung hat nichts mit dem Grundgedanken der Gemeinschaft zu tun. Dies weiß und streicht der Autor in einem weiteren Standardwerk zur EU hervor.
Anton Pelinka: "Europa - Ein Plädoyer." Braumüller 2011, ISBN 978-3-99100-043-3, EUR 19,90.