Globalisierung und die Zukunft der EU-2020-Strategie

Europa ist in der Krise. Griechenland, Irland und Portugal, vielleicht auch schon Spanien, Italien und Zypern sind am Rande des wirtschaftlichen und sozialen Abgrunds, und es gibt schwere Zweifel an der Zukunft der Europäischen Währungsunion insgesamt, und drastische Sparpakete werden überall auf dem europäischen Kontinent geschnürt. Zentrifugale politische Kräfte sind auf dem Vormarsch, ebenso wie Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und soziale Ausgrenzung.


Das versprochene gelobte Land des wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt, der fähig ist, ein dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und größerem sozialen Zusammenhalt zu erzielen, das von den Europäischen Regierungschefs März 2000 auf ihrer Tagung des Europäischen Rates in Lissabon, Portugal, für 2010 anvisiert wurde, scheint weiter entfernt als je zuvor. Es wäre schwierig, echte Gläubige dieser edlen Vision aus März 2000 über das nachhaltig wachsende und sozial kohärenten Europa heute in einem beliebigen Land der Union zu finden, geschweige denn in Ländern wie Griechenland, Irland, Italien, Spanien oder Portugal. Selbst in den reicheren, entwickelten europäischen Ländern der alten wirtschaftlichen Zentren ist der Pessimismus auf dem Vormarsch. Aber für die quantitativen Sozialwissenschaften sind tiefgreifende wirtschaftliche Krisen (die Große Depression der 1930er Jahre, die "Ölkrise" der 1970er Jahre, die aktuelle weltweite Rezession) immer die geeignete Zeit der Prüfung der Grundlagen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Solch eine Prüfung ist hart, schmerzhaft für die herrschenden Theorien und Politiken, und zieht in der Regel sehr erbitterte wissenschaftliche Auseinandersetzungen nach sich.

Immer waren solche Zeiten in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften auch dafür günstig, zu entdecken oder wieder zu entdecken, dass ungleiche Beziehungen grundlegend die Weltwirtschaft prägen und dass die Auswirkungen der Abhängigkeit und die Rolle einer Nation in der Welt stark die wirtschaftliche und soziale Entwicklung eines Landes in der Zukunft bestimmen. Am 27. Februar 2007 lesen wir – angesichts der bereits sichtbaren fürchterlichen Eisberge der sich abzeichnenden Wirtschaftskrise - folgendes wirkliche Titanic-Szenario über die Mentalität der europäischen Notenbanker in der International Herald Tribune: sie denken, dass die Europäische Zentralbank gezwungen sei, die Zinsen erhöhen, wenn höhere Lohnforderungen die Inflation anheizen (International Herald Tribune, 27. Februar 2007). Nicht die herandriftende Krise, sondern die Löhne sind das Problem.

Sollten die Musiker also nicht zu spielen aufhören? Wie auf der Titanic am Abend jenes schicksalhaften und tragischen 15. April 1912 im Nordwestatlantik? Die europäische "politische Klasse" scheint überhaupt nicht auf die Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise zu reagieren. In einem strategischen Dokument der Europäischen Union, oder wenn Sie wollen in Brüsseler -Neusprache, einem sogenannten "EU-Präsidentschafts-Land non-paper" (welcher Jargon!), das im Jahr 2009 von der konservativ-liberalen schwedischen Regierung produziert wurde, die damals die rotierende EU-Ratspräsidentschaft innehatte, konnten wir sogar gelesen, dass Handel und wirtschaftliche Integration, mit neuer Technik kombiniert, neue Märkte, Wettbewerber und Handelspartner bringen. Sie helfen, die Armut zu verringern, die demokratischen Werte und die internationale Stabilität zu erhöhen (Eco-effizientes Wachstum im Zeitalter der Globalisierung. Schwedisches Non-Paper über die Lissabon-Strategie nach 2010, Stockholm, 2009).

Wenn es eine Kontinuität im Brüsseler Denkens seit Ende der 1990er Jahre gibt, ist es dieses Credo in die Offenheit als wichtigste Voraussetzung für einen globalen Aufstieg von Ländern und Regionen im Weltsystem. Und was ist die Rolle von, sagen wir, internem Konsum und Investitionen? Die Hinweise auf das gelobte Land der freien und offenen Märkten, immer irgendwo im nebligen Dunst des Heutigen versteckt, sind die wirklichen Muster der heutigen europäischen Politik. Bereits März 2000, als die Union auf dem Lissabonner "Europäischen Rat" sich das Ziel setzte, die EU "zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen, der fähig ist, dauerhaftes Wirtschaftswachstum mit mehr und besseren Arbeitsplätzen und einem größeren sozialen Zusammenhalt zu vereinen“, bestand schon die gleiche neoliberale Agenda, um dieses ehrgeizige Ziel innerhalb eines Jahrzehnts zu erreichen, und diese Strategie soll nun wieder – bis 2020 - angewendet werden. Die Brüsseler Kommission räumt ein, dass diese Lissabon-Agenda oder Strategie weitgehend gescheitert ist, aber sie bietet keine wirkliche weitreichendere Erklärungen für dieses Scheitern (http://ec.europa.eu/eu2020/index_en. htm). Stattdessen gilt es, die gleiche alte Medizin wieder dem schon so angeschlagenen Patienten zu verabreichen.

Die Analyse des Politik-Versagens der "Lissabonner Strategie" 2000-2010 und der künftigen Politik (EU-2020-Strategie) hat wichtige Implikationen nicht nur für Europa, sondern auch für andere wichtige Regionen der Weltwirtschaft, wie Ost-und Südasien, die fortgeschrittenen Ländern im Nahen Osten und Nordafrika sowie in Lateinamerika, die noch mit einem semi-peripheren Status in der Weltwirtschaft konfrontiert sind. Ist die rücksichtlose Öffnung der Märkte die einzig gangbare Strategie, um Anschluss an die reicheren Länder zu finden?

So werden wir die Debatte mit einem Vergleich der Entwicklung der EU-15 mit den Vereinigten Staaten von Amerika und einigen anderen hoch entwickelten westlichen Demokratien im Hinblick auf ihre Globalisierung, ihr wirtschaftliches Wachstum, ihre Arbeitslosigkeit und ihre Ungleichheit, starten. Neue, allgemein anerkannte und verlässliche Zeitreihen, die jetzt in den vergleichenden Sozialwissenschaften vorhanden sind, machen solche Vergleiche möglich. Die Verwendung von Zeitreihen und ihre Methodik zum Thema der Globalisierung und ihren sozialen Folgen eröffnet Tiefen der analytischen Einsichten, die bisher in der Debatte unbekannt waren.

Unsere Grafik 1 zeigt die Entwicklungsgeschichte des Kerns der Europäischen Union [Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Spanien, Schweden, Vereinigtes Königreich] im Vergleich mit den Vereinigten Staaten von Amerika als dem Zentrum der Weltwirtschaft und einigen anderen entwickelten westlichen Demokratien [Australien, Kanada, Israel, Japan, Neuseeland, Norwegen]. Globalisierung bezieht sich auf die Zeitreihen, die vom ETH Zürich KOF Globalisierungsindex-Projekt zur Verfügung gestellt wurden, die tatsächliche Globalisierungsflüsse, die Kombination von Handel (in Prozent des BIP), ausländischen Direktinvestitionen (flows, Prozent des BIP); ausländische Direktinvestitionen (Prozent des BIP); Wertpapieranlagen (Prozent des BIP); und Zahlungen an ausländische Staatsangehörige (in Prozent des BIP), auf einer einzigen Skala von 0-100 projiziert. Die Daten für das Wirtschaftswachstum wurden vom IWF in Washington übernommen. Unsere Ungleichheits-Daten sind Theil Indizes der Ungleichheit, basierend auf der Ungleichheit der Löhne in 21 Branchen, die mit UNIDO-Datenquellen von der University of Texas (UTIP-Project) berechnet wurden, während die Arbeitslosigkeit sich auf die Arbeitslosigkeit als Prozentssatz der zivilen Erwerbspersonen bezieht, wie sie von der OECD in Paris dokumentiert wurde.

Als eine erste Annäherung an das Thema nutzt unser Graph einfache, ungewichtete Durchschnittswerte für jede der drei Gruppen von Ländern (die EU-15, die Vereinigten Staaten von Amerika, und einige andere entwickelte westliche Demokratien). Wie bereits erwähnt, sind die vier Dimensionen im Vergleich Wirtschaftswachstum, Globalisierung, Ungleichheit und Arbeitslosigkeit. Um unsere Zeitreihen in einem einzigen Diagramm und auf einer einzigen leicht verständlichen Skala sichtbar zu machen, mussten wir die University of Texas Zeitreihen zur Ungleichheit (Theil-Indizes von der Ungleichheit der Löhne nach Branchen) um einen Faktor von 250 multiplizieren und die ETH Globalisierungs-Daten mit einem Faktor von 10 teilen, um Skalen zu erzeugen, die von 0 bis 12 reichen.


Unsere erste Analyse ergibt bereits eindeutige Ergebnisse, die einen möglichen neuen Start für die gesamte Lissabonner Strategie-Debatte liefern könnten. Die Vereinigten Staaten hatten nicht nur eine geringere Arbeitslosigkeit und ein höheres Wirtschaftswachstum in weiten Teilen der 1980er Jahre, der 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts als das Europäische Zentrum (EU-15). Diese Tatsache ist an sich in der politischen Debatte über das Thema schon gut bekannt, und gehört zum Kanon der zeitgenössischen Analyse zu diesem Thema. Aber - und das ist in der Tat eine erstaunliche Tatsache – sind die Globalisierungs-Zuflüsse geringer als in der EU-15, und - ganz wichtig – ist die Tendenz zur sektoralen Ungleichheit als Proxy für die gesamte Ungleichheit in einem Staat weniger ausgeprägt als in der EU-15. Die durchschnittliche, gewichtete Leistung der anderen westlichen Demokratien (Australien; Kanada, Israel, Japan, Neuseeland, Norwegen) ähnelt eher der europäischen Performance der steigenden Globalisierung und zunehmenden Ungleichheit:

Grafik 1: Die Globalisierung der Wirtschaft und die sozialen Leistungen von Systemen in den Kern-Staaten in Europa (EU-15) (A), den Vereinigten Staaten (B) und anderen hoch entwickelten OECD-Ländern (C)










Anmerkungen: EU-15: Austria; Belgium; Denmark; Finland; France; Germany; Greece; Ireland; Italy; Luxembourg; The Netherlands; Portugal; Spain; Sweden; United Kingdom. Western democracies: Australia; Canada; Israel; Japan; New Zealand; Norway. Economic growth: IMF economic growth (real GDP per annum) and growth predictions, April 2009,  HYPERLINK "http://www.imf.org/external/datamapper/index.php" www.imf.org/external/datamapper/index.php. Globalization: ETH Zurich globalization time series data, January 2010,  HYPERLINK "http://globalization.kof.ethz.ch/static/rawdata/globalization_2010_short.xls" globalization.kof.ethz.ch/static/rawdata/globalization_2010_short.xls .
Ungleichheit: Theil Index der Ungleichheit, University of Texas  HYPERLINK "http://utip.gov.utexas.edu/data.html" utip.gov.utexas.edu/data.html. Arbeitslosigkeit: Die Arbeitslosigkeit in Prozent der zivilen Erwerbspersonen:  HYPERLINK "http://stats.oecd.org/Index.aspx" stats.oecd.org/Index.aspx . Um unsere Zeitreihen in einem einzigen Diagramm sichtbar zu machen, mussten wir die Daten durch Multiplikation (Theil-Indizes der Ungleichheit der Löhne nach Branchen) mit einem Faktor von 250 multiplizieren und die ETH Globalisierungs-Daten um einen Faktor von 10 teilen.

Was hat denn also wirklich den Wohlstand der Nationen in den letzten Dekaden beschert? Offenheit? Abschottung? Zuwanderung? Festung? Welcher Realisierungsgrad der vier Freiheiten der Waren, des Kapitals, der Dienstleistungen und der Arbeit fördert oder bremst, unter Kontrolle der wesentlichsten anderen Faktoren, die Demokratie, das Wachstum, die Umwelt, die Gleichstellung der Geschlechter, die menschliche Entwicklung, die Forschung und Entwicklung und den sozialen Zusammenhalt am nachhaltigsten? Unabhängig von solchen Faktoren wie Demographie; EMU-Mitgliedschaft; Entwicklungsniveau; EU-Mitgliedschaft; Feminismus; Geographie; Humankapital; Rüstung; Staatlicher Beitrag zur Humankapitalbildung; Wirtschaftliche Freiheit? Welche Sprache spricht quasi der Erfolg der letzten Dekade, und was kann ein Land wie Österreich aus dem Erfolg der anderen Staaten lernen? War es immer so, dass die komplette Realisierung der vier Freiheiten nötig war, um den Erfolg bei Demokratie, Wachstum, Umwelt, Gleichstellung der Geschlechter, menschliche Entwicklung, Forschung und Entwicklung und beim sozialen Zusammenhalt zu optimieren? Bedeuteten Restriktionen – etwa im Migrationsbereich – Stagnation? Das alles unabhängig vom Entwicklungsniveau und dem Einfluss wichtiger Standard-Kontrollvariablen aus Geographie und Demographie?

Die negativen Auswirkungen der Globalisierung und die positiven Auswirkungen der Zuwanderung auf viele Prozesse der Entwicklung sind zwar oft überwältigend. Dennoch ist eine wichtige Qualifikation des gängigen globalisierungskritischen Diskurses notwendig. Von den 50 signifikanten, das heißt von der Warte der Statistik aus gesehen, überzufälligen und mit geringer Irrtumswahrscheinlichkeit behafteten Ergebnissen entsprechen ganze 20, d.h. 40%, nicht oder nicht ganz den oben angeführten theoretischen Erklärungen einer restriktiven Haltung bei der Freiheit der Waren, des Kapitals, und der Dienstleistungen, aber einer offenen Haltung bei der Freiheit der Migration. Aber 17 der 20 widersprechenden Ergebnisse stammen aus nur drei Dimensionen des heute so gängigen globalisierungskritischen und gleichzeitig migrationsliberalen Paradigmas – das unzureichende Verständnis der Rolle der wirtschaftlichen Freiheit, insbesondere in den fortgeschrittenen Ländern des Westens, sowie aus der verhängnisvollen Unfähigkeit in diesen Kreisen, die bestehenden Probleme in den Bereichen Demokratie und Toleranz, Gleichberechtigung der Geschlechter und Beschäftigung in den "real existierenden muslimischen Ländern" und in den Parallelwelten der muslimischen Migration im Westen wirklich in ihrer vollen Widersprüchlichkeit zu begreifen. Auch die aktuelle Unfähigkeit seitens dieser skizzierten Werthaltungen, einen geeigneten Rahmen für die Interaktion zwischen dem öffentlichen und dem privaten, vor allem im Hochschulbereich, zu finden, ist ein Problem.

Vier der Falsifikationen des globalisierungskritischen und migrationspolitisch liberalen Paradigmas entstammen den positiven Auswirkungen der wirtschaftlichen Freiheit auf die Entwicklung, und acht Widersprüche ergeben sich aus negativen Auswirkungen der Mitgliedschaft eines Landes in der Organisation der Islamischen Konferenz oder eines hohen muslimischen Bevölkerungsanteils für solche Phänomene wie Demokratie und Toleranz, Gleichberechtigung der Geschlechter und Beschäftigung. Fünf Widersprüche ergeben sich aus der Tatsache, dass verschiedene Entwicklungstheorien, einschließlich des globalisierungskritischen Konsenses, die crowding out-Konsequenzen der öffentlichen Bildungsausgaben übersehen, insbesondere für Beschäftigung, Wachstum und menschliche Entwicklung. Auf den Punkt gebracht, würde der globalisierungskritische Konsens in die heutige Welt viel mehr zuverlässig erklären, wenn sein Verständnis der Rolle

• der wirtschaftliche Freiheit
• der Chancen und Widersprüche des Multikulturalismus, insbesondere hinsichtlich der muslimischen Welt in den Bereichen Gender, und der Zuwanderung schlechthin im Bereich Umwelt
• sowie der Rolle der öffentlichen oder privaten Bildung, insbesondere in fortgeschrittenen westlichen Gesellschaften

besser bestellt wäre.

Ein gründliches Überdenken der grundlegenden Prämissen der politischen Entscheidungsfindung in Europa ist mehr denn je notwendig notwendig. Die neo-keynesianischen Analyse von Marterbauer/Walterskirchen (2006) hob ja hervor, dass die Maastricht-Kriterien die öffentlichen Investitionen letztlich blockieren. Einen Großteil des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zu einem europäischen Rückgang vis-à-vis den USA, und nur die Nachkriegszeit nach 1945 sah eine relative Schließung der Lücke, die nach 1973 wieder zu wachsen begann. Der Wirtschaftshistoriker Andre Gunder Frank hat stets betont, dass Europas Krise nur in der größeren langfristigen historischen Perspektive von Asiens Wiederaufstieg im Welt-System verstanden werden kann. Die Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Lateinamerika, CEPAL/ECLAC in ihrem wegweisenden Essay "Globalización y Desarrollo" (2002) schätzte, dass es tatsächlich eine Gleichzeitigkeit des Aufstiegs Asiens mit dem Rückgang von Europa nach 1973 gibt. Eine weitere wichtige Konsequenz unserer Analyse ist die Wiederentdeckung der Frage der europäischen Industriepolitik im Rahmen einer ansonsten relativ freien Wirtschaft. Viele ÖkonomInnen haben die ungleichen Machtverhältnisse in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen entscheidend problematisiert, unter anderem der kürzlich verstorbene große Österreicher Kurt Rothschild.

De-Regulierung hilft, aber sie hilft dem dominierenden Zentrum seine führende Position zu erhalten und sogar zu erhöhen, und sie hilft schon gar nicht den technisch und politisch schwächeren Nationen der Peripherie und Semi-Peripherie. Mit dem Absturz der nach der Erweiterung der 70-er und 80-er Jahre in Europa integrierten Randzone in Irland, Portugal, Spanien und Griechenland ist dieses Problem erneut mit aller Wucht für uns in Europa relevant geworden.

So war es der französische, ehemaligen EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors (1992) und nicht Wirtschafts-Nobelpreisträger Prof. Krugman, der letztlich die Debatte gewinnt, die Professor Paul Krugman in "Foreign Affairs" im Jahr 1994 begann, als er so negativ über Delors und seine Pläne für eine europäische Industriepolitik schrieb. Reduziert sich die Europäische Weisheit auf die magische Zahl von 3 Prozent Haushaltsdefizit? Unserer Meinung nach sollte die europäische Politik endlich wagen, die globalisierungskritischen Organisationen der "Zivilgesellschaft" und ihre Anliegen ernst zu nehmen (so auch der Wiener Politikwissenschafter Ulrich Brand, 2000, 2005, 2008).

Wie sollten auch die Tatsache hervorgehoben, dass es ein immer wiederkehrendes Interesse in den Sozialwissenschaften daran gibt, die langfristigen Schwankungen der globalen kapitalistischen Entwicklung zu studieren. Solche Studien werden für immer mit dem Namen des Russen Nikolai Kondratieff – ein Opfer des stalinistischen Gulags - verknüpft sein. Die Fragen, die sich aus dieser Forschung in unserem Zusammenhang ergeben, sind zweifach. Eine davon ist nicht nur akademisch, sondern auch politisch höchst relevant und werte-geladen: die Frage, ob es jetzt, nach der globalen Rezession, die Hoffnung auf eine Erholung ("Licht am Ende des Tunnels") gibt, oder, wie der grausame irische Witz es ausdrückt, die erkennbaren Lichter nur die "Scheinwerfer eines herannahenden Zuges im Tunnel“ sind, und damit keine Erholung in Sicht ist. Und die zweite Frage, die möglicherweise so alarmierend ist wie die erste, ist, ob die von der Globalisierung angetriebenen Konjunkturzyklen in früheren Zeiten und heute das gleiche Muster aufweisen und ob die Wachstumsraten allesamt seit vielen Dekaden nach unten weisen, und ob sie mit steigenden globalen weltpolitischen Spannungen in Verbindung gebracht werden müssen. Statt Boten einer Welt des verheißenen Landes des Wohlstandes und des Wachstums münden sie in Stagnation und sogar in der globalen Kriegsführung? Solche Fragen sind natürlich nicht in den Sozialwissenschaften neu: die marxistischen Klassiker vor allem sind voll von Verweisen auf solche Katastrophenszenarien und sind ein unangenehmer und kräftiger Kontrabass im Chor der "Ode an die Freude", die wir immer hören, seit dem Ende des Kommunismus 1989. Ich denke dabei insbesondere an solche Autorinnen und Autoren wie Rosa Luxemburg und Otto Bauer.

Die Rückkehr der "Ökonomie als einer düsteren Wissenschaft (dismal science)", ist etwa aus der Tatsache zu erkennen, dass die nicht transformierten Werte des weltweiten Wachstums der Industrieproduktion seit 1947 deutlich einen linearen Abwärtstrend zeigen, unabhängig vom Konjunkturzyklus. Im Allgemeinen nahmen in den letzten Jahrzehnten die Landwirtschaft und das verarbeitende Gewerbes als Anteil an der wirtschaftlichen Gesamtleistung ab, während die Dienstleistungen in den großen Volkswirtschaften expandierten. Der Trend zeigt einen linearen Abwährtstrend, der fast 20% der Wachstumraten seit 1947 in der Weltwirtschaft erklärt.

Auch die wirtschaftlichen Wachstumsraten in den wichtigsten Volkswirtschaften des alten Kerns der Europäischen Union, nämlich Frankreich, Deutschland und Italien, weisen alle in einer Richtung nach unten.

Unsere Analyse der Daten aus den letzten vier Jahrzehnten suggeriert nun die folgenden wichtigsten Trends:

• Unser Zeitreihen-Untersuchung von 1970 bis 2003 umfasst 92,47 Prozent der Menschheit in 117 Ländern und Territorien der Welt.

• In der Tat steigt die wirtschaftliche Globalisierung, und ist das bestimmende Element der Entwicklung der Menschheit in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren bis zum Beginn des neuen Jahrtausends - von Spanien mit dem schnellsten Prozess der Globalisierung bis Burkina Faso mit der niedrigsten. Über 90,57 Prozent der Menschheit lebten in 108 Ländern der 117 Länder mit kompletten Daten, die von der Globalisierung stark betroffen waren.

• Nur in 9 Ländern [Algerien, Malawi, Fidschi, Gabun, Oman, Swaziland, Barbados, Bahamas, Iran] waren wir mit einer negativen Zeitreihen-Korrelation zwischen der Zeitachse und der wirtschaftlichen Globalisierung konfrontiert. Diese Länder belaufen sich auf nur 1,90 pro Prozent der Weltbevölkerung.

• Die schöne neue Welt der steigenden Globalisierung der Wirtschaft ist in Wahrheit die einer weltweit steigenden Ungleichheit. Über 75,92 Prozent der Weltbevölkerung lebten in Ländern, wo es einen steigenden linearen Trend zur Ungleichheit im Laufe der Zeit gab. Für 54,05 Prozent der Menschheit war dieser Trend besonders stark. Gereiht nach der Größe dieses Phänomens finden wir 60 Nationen, von Lesotho, Portugal und Litauen an der Spitze bis hin zu El Salvador, Österreich und den Vereinigten Staaten von Amerika. Unter den EU-27 Ländern gibt es 13 Nationen entsprechend dieses sehr starken Trends zur zunehmenden Ungleichheit im Laufe der Zeit: Portugal, Litauen, Tschechien, Rumänien, Großbritannien, Slowenien, Slowakei, Bulgarien, Ungarn, Deutschland, Irland, Polen und Österreich.

• 79,61 Prozent der Menschheit erlebten die beunruhigende Tatsache, dass nach den vorliegenden Zeitreihen die Globalisierung in ihren Ländern positiv mit höheren Ungleichheit korrelierte.

• Für 48,97 Prozent der Menschheit, die in 55 Ländern lebt, war dieser Trend besonders stark. 13 der 27 EU-Länder gehören zu ihnen und ihrer Erfahrung gibt ein Zeugnis über die Lateinamerikanisierung des europäischen Kontinents: Rumänien, Ungarn, Tschechien, Portugal, Polen, Bulgarien, Irland, Deutschland, Litauen, Großbritannien, Slowenien, Österreich, und die Slowakei.

• Nur 35 Ländern erlebten einige der positiven Versprechungen der Globalisierung. Die Einwohner dieser Länder sind eine glückliche globale Minderheit, und umfassen nur 12,86 Prozent der Weltbevölkerung. Nur 7 der EU-27 sind unter ihnen, nämlich Lettland, Niederlande, Spanien, Zypern, Schweden, Finnland und Frankreich. Interessant genug ist dass gerade im globalisierungskritischen Frankreich dieser Effekt am stärksten war, und in Lettland am schwächsten. Weitere Best-Practice Volkswirtschaften mit einem sehr bemerkenswerten Trend der Globalisierung, der zu weniger Ungleichheit im Laufe der Zeit führte, sind Südkorea und Singapur.

In einem letzten Schritt wenden wir uns der beobachbaren Logik der Evolution des Weltsystems als Ganzes zu. Seriöse quantitative Beiträge zu diesem Thema wurden insbesondere durch den quantitativen amerikanischen Politikwissenschafter Joshua Goldstein verfasst, der in seiner 1989 publizierten Dissertation an der Yale University die Logik der Kondratiev’schen, 50-jährigen Zyklen mit den 120-150 jährigen Zyklen der großen, weltumspannenden Kriege (30-jähriger Krieg, Napoleonische Kriege, I. und II. Weltkrieg) analysierte.

Zunächst führten wir eine Re-Klassifizierung und Re-Analyse der langen Wellen der kapitalistischen Entwicklung in der Zeit nach 1740 durch. In Tausch/Ghymers 2006 wurden die unterschiedlichen K-Zyklen-Klassifikationssysteme diskutiert. Unsere nunmehrige Analyse berücksichtigt bereits die Depression des Jahres 2008. Die untransformierten jährlichen Wachstumsraten der globalen Industrieproduktion, die im Rahmen der umfangreichen Literatur über die verschiedenen Phasen der Globalisierung zu analysieren sind (Tausch/Ghymers, 2006), ergeben folgende empirischen Wendepunkte:


• 1756
• 1819
• 1862
• 1921
• 1958
• 2009


Vor allem die globalisierte Zyklen nach 1862 und 1958 weisen eine interessante Ähnlichkeit auf.

Einer der auffälligsten Aspekte einer Analyse dieser zeitlichen Trends ist die Tatsache, dass die beiden Phasen der ultraliberalen Globalisierung – post 1862 und post 1958 - ähnlich in der Tendenz sind. Die Ähnlichkeit der Trends ist - aus unserer Sicht - atemberaubend, und wir müssten uns nach dieser Sichtweise schnell dem bösen Abgrund am Ende des 19. Jahrhunderts nähern, der, wie wir alle wissen, zum Ersten Weltkrieg führte, nicht wahr ?

Die überraschende Entdeckung der statistischen Analyse der Kriege ab 1495 bis 2002, an denen die Großmächte beteiligt sind, ist, dass jeder globale politische Zyklus von 1495 mit einer Periode anhaltender, drei Jahrzehnte lang dauernder heftiger Kriege zwischen den zentralen Akteuren des internationalen Systems endet.

Auch gibt es bemerkenswerte Schwankungen des internationalen Systems. Der Gipfel der weltweiten Verteidigungspakt-Dichte wird bei ca. 1835 und 1955 erreicht, und nach diesen Jahren zerfällt das Verteidigungs-Pakt-System und es baut sich je neu ein erneuerter Zyklus von internationalem Krieg auf.

Es ist zu befürchten, dass die globalisierte weltpolitische Ordnung der Zeit nach 1958 in der gleichen Katastrophe globaler Kriege endet wie die "alte" globalisierte Welt, die während der Blütezeit der liberalen Globalisierung vor dem Ersten Weltkrieg entstand.

Zum Nachlesen:

ideas.repec.org/e/pta132.html" ideas.repec.org/e/pta132.html






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