Hagiographien verhindern Diskussion
von Arno Tausch
von Leyla Sagmeister
Da in der letzten Ausgabe des Wiener Migranten-Magazins „BIBER“ (Juni 2009) ein Leitartikel vom Chefredakteur Simon Karavagna zu diesem Thema verfasst wurde, stellt sich für uns die Frage, was man heutzutage unter echter Kritik verstehen sollte. Die Definition „die Kunst der Beurteilung und des Auseinanderhaltens von Fakten“ scheint nicht für jeden Journalisten oder jede Zeitschrift von Bedeutung zu sein. Wie sollte man es sonst verstehen, wenn in einem Artikel der Migrantenzeitung BIBER, die interkulturellen Dialog fördern und für Integration stehen soll, ein solcher Bericht erscheint.
In der Februar 2009- Ausgabe der angeblichen Wiener Migrantenzeitung BIBER springt einem der vier-seitige Berichte namens „Noch einmal Jungfrau für 500 Euro“ (S.16), durch seine provokanten Bilder sofort ins Auge. Ein dunkelhaariges Mädchen, ohne Gesicht, das die muslimische Frauenwelt symbolisieren soll, trägt ein weißes Kleid und darüber eine gebundene rote Schleife. Die „Reinheit“, so steht es im Artikel ist oft das höchste Gebot und Voraussetzung für eine Eheschließung. Ist dies nicht der Fall, wird zum Beispiel ein türkisches Mädchen sofort zur „Frau zweiter Klasse“, so schildert es der „angeblich“traditionell erzogene Junge namens Cem. Ist es nicht gut möglich, dass dieser „Cem“ am Schreibtisch der BIBER Redaktion geboren wurde und seine Meinung aus der Hand der Journalisten mit seinen selber einzementierden Vorurteilen stammt? Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass für alle türkischen Männer eine „unreine“ Frau nicht in Frage kommt und dass Frauen weniger wert sind als Männer. BIBER versucht hier ohne den Nachnamen und ohne Bild des angeblich CEM heißenden türkischen Jungen einem schrecklichen mit vielen Vorurteilen behafteten Thema noch hetzerische darzustellen. Es fragt ja sowieso niemand, ob dieses Interview tatsächlich stattgefunden hat oder aus der vorhandenen Vorurteilen entstammt. Dieser Artikel verstärkt bei der Aufnahmegesellschaft das Bild einer unterdrückten Frauenwelt in den islamischen Ländern und zementiert das Bild einer Welt, in der es lediglich um Ehre und Familienanerkennung geht. Eigentlich wenn man die Bibel (Altes und Neues Testament) liest, kann man leicht bestätigen, dass der Christlichen Frau die Jungfräulichkeit als ein Muss vorgeschrieben wird. Eigentlich in der türkischen Gesellschaft ist diese Thema nicht mehr so aktuell, außer in traditionellen Familien. Ebenso so man dies in christlichen und Jüdischen konservativen Familien beobachten.
Die Entscheidung zum operativen Eingriff und somit zur Rekonstruktion des Jungfernhäutchens, ist für viele junge Mädchen, die bereits ihre Jungfräulichkeit verloren haben, oft die einzige Möglichkeit ihre Ehre zu retten, doch das kostet sie eine Menge Geld und Umwege. Nicht jeder Arzt bietet diese Operation an, die Nachfrage- so hört man- ist auch nicht besonders groß. Was an diesem Bericht letztendlich unsere Neugier weckte, ist die Tatsache, dass die FPÖ daraufhin eine Anfrage an das Bundesministerium für Gesundheit im österreichischen Parlament verfasste. Also zum ersten Mal in der Geschichte der österreichischen Parlaments war das Thema „Jungfrau“ und „die Rekonstruktion“ und „die Kosten für den Staat“ von Bedeutung. Die FPÖ hat durch den ohne Quellenangabe entstandenen BIBER-Bericht, nachgefragt ob und seit wann es in Österreich bekannt ist, dass Eingriffe zur Rekonstruktion des Jungfernhäutchens durchgeführt werden. Und welche Kosten die Krankenkasse davon übernehme, da es- wie im BIBER-Artikel erwähnt- privat für viele Frauen nahezu unmöglich ist, eine solche Operation zu bezahlen.
Hat das Parlament nichts besseres zu tun, als sich
um die Kosten der Jungfräulichkeit zu kümmern?
Was würden in der Türkei lebende österreichische Frauen dazu sagen, wenn plötzlich im türkische Parlament über österreichische Probleme mit der Jungfräulichkeit diskutiert und dies in einer türkischsprachigen Zeitung, die angeblich von österreichischen Migranten, die für den interkulturellen Dialog zuständig sind, herausgegeben werden würde? Die Antwort des Ministeriums erfolgte wenige Wochen später, in der erklärt wurde, dass diese Art der Operation durchaus bekannt sei, man aber nicht wisse in welchem Ausmaß (die österreichweite Evaluierung für die sogenannte „Hymnenrekonstruktion“ wird anscheinend nicht durchgeführt). Da aber nach österreichischen Wertvorstellungen der Verlust des Jungfernhäutchens weder als Krankheit noch als regelwidriger Körperzustand einzustufen ist, kommt eine „Kostentragung der gesetzlichen Krankenversicherung aus diesem Titel nicht in Betracht“. Die Art wie BIBER diesen Bericht verfasst hat, lässt einen wieder sofort daran denken, dass dies ein weiteres Problem der türkischen Kultur ist. Die türkischen Frauen werden als Betrügerinnen dargestellt, wenn sie diesen Eingriff durchführen lassen und dem Mann ihre Jungfräulichkeit vorspielen. Der Mann würde theoretisch nie etwas davon erfahren und wird somit als ewiger Hornträger dargestellt. Der Leser fragt sich automatisch, wie viele auf diese Art betrogene türkische Männer es wohl auf der Welt gibt, obwohl dies nicht stimmt, weil viele Frauen heutzutage ihre Männer über diese Sache aufklären.
Zwar wird kurz erwähnt, dass auch streng erzogene Christinnen diesen operativen Eingriff in Erwägung ziehen, aber warum ist denn dann auf den Bildern kein offenkundig westlich europäisches Mädchen zu sehen. Dies ist eindeutig eine Anspielung auf die Türkei und auf die traditionelle Hochzeitszeremonie, in der der Bräutigam mit der Braut in einem Zimmer verschwindet um anschließend den „blutigen Beweis“ dafür zu liefern, dass aus dem einst jungfräulichen Mädchen eine Frau wurde.
Weiters wird geschrieben, dass eine BIBER-Redakteurin sich anonym bei einem Gynäkologen erkundigte, welcher natürlich auch sofort davon ausging, dass es sich um ein türkisches Mädchen handeln musste. Wir sind der Meinung, dass Ärzte doch ein bisschen diskreter sind als es hier aufgezeigt wird… Bei diesem Interview gibt es des weiteren weder einen Autor, noch einen Namen des Arztes, kein Bild und keine Orts- oder Zeitangabe. Somit wird die 5- W Regel komplett ignoriert und alle weiteren Regeln der journalistischen Kunst auch.
Soll der Aufnahmegesellschaft hiermit ein Schock versetzt werden, um zu demonstrieren wie „schrecklich“ es in der Türkei zugeht? Kulturelle Rassismus Verallgemeinerung, Pauschalisierung unter der Tarnung „Kritik“ bringt Österreich Unglück…